06.06.12 – 06.06.12
Die letzte indische Zugfahrt führte uns über Nacht in zwölf Stunden nach Varanasi, eine der heiligsten Stätten des Hinduismus. Ein strenggläubiger Hindu setzt sich zum Ziel in Varanasi im Ganges zu baden, wofür unzählige Ghats am Ufer erbaut wurden, und zu sterben oder zumindest hier verbrannt zu werden und seine Asche über dem Ganges verstreuen zu lassen. Das Bad reinigt die Seele und die Verbrennung soll vor einer Wiedergeburt schützen. Während für uns Europäer das Thema Tod eher ein Tabu darstellt, wird es hier nahezu zelebriert. Die Leichen werden von der singenden Familie auf einer Bahre durch die engen Gassen Varanasis zu einer der Verbrennungsstellen getragen. Je nach finanzieller Lage der Familie wird besseres oder schlechteres Holz verwendet oder auf den elektrischen Ofen ausgewichen.
Wir liessen uns in einem Ruderboot an den Ghats und Verbrennungsstellen vorbeischippern, um das Ganze aus einiger Distanz zu betrachten. Ein Mal kamen wir so nahe an das Geschehen ran, dass wir einen nackten Zeh erblickten, ansonst erkennt man wirklich nichts von den toten Körpern, es hängt auch kein widerlicher Geruch in der Luft und wir sahen auch keine Leichenteile im Wasser treiben, wir konnten die für uns sehr spezielle Stimmung also durchaus „geniessen“.
Am Abend setzten wir uns mit David und Nikolai, die mit uns auf dem Boot waren, am Dasaswamedh Ghat hin und sahen uns, die Ganga Aarti an, die religiöse Zeremonie zu Ehren des Ganges, welche wir ja schon in Rishikesh gesehen haben, die hier aber wesentlich feierlicher und ritueller war. Danach gingen wir noch zu viert in die Brown Bread Bakery essen. Yummie sagen wir da nur, schon nur deswegen hätte es sich gelohnt, noch einige Tage länger in Varanasi zu bleiben.
Mit Varanasi findet unsere Reise durch Indien nach fünf Monaten doch auch mal ein Ende. So sehr wir dieses Land in unsere Herzen geschlossen haben, sind wir dennoch froh, auch mal etwas Abstand vom ganzen Affentheater, das hier immer herrscht, zu gewinnen und mit Sri Lanka ein neues, für uns völlig unbekanntes Land zu bereisen.
Früh morgens um halb sechs machten wir uns auf, um uns das Wahrzeichen Indiens anzuschauen: das Taj Mahal. Das Mausoleum wurde vom Mogul Shah Jahan zum Gedenken seiner verstorbenen Hauptfrau Mumtaz Mahal errichtet. Es besteht hauptsächlich aus Marmor und Edelsteinen und mit dem Bau waren über 20000 Handwerker und 1000 Elefanten beschäftigt. Es wird abgesehen von westlichen Touristen ebenfalls von vielen indischen Frischvermählten besucht, da der Besuch die Liebe dauerhaft machen und bestärken soll.
Wie schön dieses Gebäude ist, hörten wir auf unserer Reise immer wieder. Als wir aber selber davor standen, merkten wir erst, wie mächtig und beeindruckend es ist. Wir nahmen uns Zeit, es zu umrunden, die Kopie des Grabes von Mumtaz Mahal zu betrachten (das Original ist über eine Treppe im Boden zu erreichen und für Touristen nicht zugänglich), uns hinzusetzen und die Atmosphäre zu geniessen und unzählige Fotos zu schiessen. Als dann langsam der Besucherstrom anzog, machten wir uns wieder auf den Rückweg und verschwanden im Hostelzimmer.
Eigentlich hätte man sich noch weitere Sehenswürdigkeiten wie das Agra Fort oder Fatehpur Sikri anschauen können. Der Delhi Belly hat uns nach fünf Monaten Indien aber doch noch erwischt und ziemlich flach gelegt. Bei durchschnittlich 47 Grad, ständigem Stromausfall und daher nicht-funktionierender Klimaanlage vegetierten wir einige Tage in unserem Hostel, wo zusätzlich gerade Renovationen durchgeführt wurden und deshalb ein höllischer Lärm herrschte, dahin. Derjenige, der gerade fitter war, schleppte sich ins nahe gelegene Taj Cafe und holte eine Portion Porridge oder Reis und kühles Wasser. Als wir beide wieder mehr oder weniger transportfähig waren, buchten wir die bereits gekauften Zugtickets um und zogen zur Erholung noch für ein paar Tage ins edle Hotel
Wir besichtigten unter anderem Indiens grösste Moschee Jama Masjid, jedoch nur von aussen, da gerade Gebets-Zeit war, die Sound & Light Show im Red Fort, welche eine kleine Enttäuschung war, jede Zimmerbeleuchtung und jedes Höhrbuch ist spektakulärer, Humayun’s Tomb, welches als Inspiration für den Bau des Taj Mahals galt, den Lotus Temple, eine Art Kirche, welche Anhängern aller Religionen offensteht, was eine Grundeinstellung der Bahai-Religion ist, das Hauz Khas, ein Künstlerviertel inmitten von Ruinen eines ehemaligen Wasserreservoirs und einer Moschee, das India Gate, das Monument, welches dem Arc de Triomphe nachgebaut wurde und an die gefallenen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg erinnern, und den Boulevard, an dem Strassenverkäufer Chai, Süsskram, Pop Corn, Zuckerwatte und Luftballons feilbieten und indische Familien im Schatten der Bäume picknicken.
Eigentlich dachten wir, dass in Delhi Westler keine besondere Attraktion sind, weit gefehlt. Das Anstarren, Nachlaufen und „heimlich“ Fotografieren war hier nochmals um einiges extremer. Leider haben wir beide auch noch was aufgelesen und reisten am Dienstag mit einem bereits etwas rumorenden Magen Richtung Agra.
Was für ein Busmarathon. In zehn Stunden von Manali nach Chandigarh, weitere sieben Stunden nach Dehra Dun und dann nochmals eine Stunde nach Rishikesh. Dort hat es ein Riksha-Fahrer gleich auf Anhieb auf Platz Nr. 1 der dümmsten Sprüche unserer Reise geschafft: „You know, mountain-area. Only 3 people in one riksha allowed“. Das gleichzeitig eine mit etwa 12 Indern vollgestopfte Riksha an uns vorbeifuhr, liess den Typ nicht von seiner Meinung abbringen.
Während den 60er Jahren erhielt Rishikesh wichtigen Besuch von den Beatles, die ein Weilchen im Maharishi Mahesh Yogi Ashram (Beatles Ashram) hausten und dort einen Teil der Songs für das „
anali ist ein weiteres Bergdörfchen und besteht ebenfalls aus vielen Hostels, Shops und Cafes. Es herrscht sehr kühles Klima und man kann einen wundervollen Ausblick auf verschneite Berge geniessen, was fast ein bisschen heimatliche Gefühle aufkommen lässt :).
In einem noch weniger vertrauenswürdigen Bus als der letzte fuhren wir an unzähligen Hanffeldern vorbei in die indischen Berge nach McLeod Ganj, oberhalb von Dharamsala. In einer Kurve verloren wir dann auch ein Fenster, mitsamt Rahmen – die chinesische Touristin, die am Fenster sass, kam mit dem Schrecken davon – und 5km vor dem Ziel gab dann der Bus gleich ganz den Geist auf. Wir mussten aber dann tatsächlich auch nur 15 indische Minuten (entsprechen etwa einer Schweizer Stunde) auf den Ersatzbus warten, der uns noch heil ans Ziel brachte.
McLeod Ganj ist Sitz der tibetischen Exilregierung und neue Heimat des 1959 aus Tibet geflüchteten Dalai Lamas. Auch Tausende andere Exil-Tibeter fanden hier ihr neues Zuhause und es kommen jährlich weitere hinzu. Mönche, in ihren orange-roten Kutten, Tibeter mit Gebetsketten in der Hand und unzählige Shops, Cafes und Hostels prägen das Bild des ruhigen Bergdörfchens, keine Spur von der indischen Hektik, was richtig gut tut. Man sieht wieder mehr Touristen, die sich farbig kleiden und auf der Suche nach der inneren Mitte sind – oder zumindest bei uns diesen Eindruck hinterlassen.
Wir besichtigten den Tsuglagkhang Komplex, in dem die offizielle Residenz des Dalai Lamas und das Tibetische Museum, das in einer kurzen Ausstellung den Konflikt zwischen China und Tibet darstellt, liegt. Bei Sangye, einem Exil-Tibeter, besuchten wir einen Momo-Koch-Kurs. Er erzählte uns von seiner Flucht von Tibet über Nepal nach McLeod Ganj, wie sie dabei einen Mann zurücklassen mussten, Bestechungsgeld bezahlten und wie er nach Jahren wieder Kontakt zu seiner Familie aufnehmen konnte. Eine spannende und bewegende Geschichte. Dies und unsere leckeren Momos machten den Kochkurs zu unserem persönlichen Highlight in McLeod Ganj.
Mit dem Nachtbus, der nicht mehr wahnsinnig vertrauenswürdig aussah und bei dem zuerst noch ein Fenster durch einen Karton ersetzt werden musste, steuerten wir das nördliche Amritsar an, wo wir frühmorgens um 5 drei Stunden zu früh (!) ankamen. Amritsar gilt als spirituelles Zentrum des
Nachdem wir im Hotel noch ein bisschen Schlaf nachgeholt haben, machten wir uns auf den Weg zur Tempelanlage, die wir nur mit Kopfbedeckung und gewaschenen Füssen betreten durften. Wir umrundeten die Anlage, hielten ab und zu ein Schwätzchen, liessen uns geduldig mit Indern fotografieren und bestaunten vor allem den eindrücklichen, mit Blattgold belegten Tempel in der Mitte des Amrit Samowar, dem heiligen See. Die Sikhs baden sich in diesem See, um ihr persönliches Karma zu verbessern. Tagsüber werden Verse aus dem heiligen Buch vorgelesen, über Lautsprecher übertragen und in der Küche werden Gratismahlzeiten verteilt. Da es Sonntag war, hatte es besonders viele Leute, weshalb wir nicht in das Innere des Tempels konnten (es war schlicht und einfach kein Durchkommen!) und uns auch die Erfahrung, mit Pilgern, Sikhs und Touris am Boden sitzend eine Gratis-Mahlzeit einzunehmen verwehrt blieb :). Die ganze Anlage ist zu unserer Überraschung sehr sauber, der Goldene Tempel selbst wird übrigens täglich mit Milch gereinigt.
Am Abend ging es mit dem Sammeltaxi ins 30km entfernte Attari an die indisch-pakistanische Grenze. Hier werden jeden Abend die Grenzschliessung und das Einholen beider Nationalflaggen zelebriert und es herrscht eine Stimmung wie bei einem Fussballländerspiel. Auf beiden Seiten wird getanzt, gejohlt und gesungen. Die Grenzsoldaten führen eine battle-mässige Zeremonie vor, in dem sie im Lauftempo aufeinander zumarschieren, die Beine bis hinter die Ohren biegen und sich gegenseitig imponieren wollen. Das muss man echt erlebt haben. Wie würde wohl ein allabendliches schweizerisch-deutsches-Grenzspektakel in Basel aussehen?
In Bikaner – nicht gerade das Highlight unserer bisherigen Reise – sassen wir einen Tag länger fest, als eigentlich geplant, weil der einzige Nachtbus nach Amritsar für den nächsten Tag bereits ausgebucht war. Wir vertrieben uns die Zeit damit, das
Am zweiten Tag fuhren wir mit dem Localbus ins 30km entfernte Deshnok zum Karni Mata Tempel. Der Tempel ist eher als Rattentempel bekannt und wurde zu Ehren Karni Matas, einer Reiknarnation der Göttin Durga, gewidmet. Der Legende nach, sollte der tote Sohn einer Fürstenfamilie wieder zum Leben erweckt werden, was der Totengott Yama ihr nicht geben konnte. Daraufhin schwor Karni Mata, dass keiner ihres Volkes je wieder Yamas Totenreich betreten werde und die verstorbenen Seelen als Ratten wiedergeboren werden sollten. So entstand dieser Rattentempel, in dem um die 2000 Ratten leben. Man stapft also barfuss über den mit Rattenkacke übersäten Boden und schaut den knuffligen Dinger (sie sind wirklich süss) beim Schlafen, Essen oder Spielen zu. Säbi lief noch ein Pelztier über den Fuss, was Glück bringen soll – dass sie das arme Ding aber ausversehen noch weggekickt hat, sehen wir nun einfach mal als unbedeutend an :). Auf dem Rückweg wurde der Bus spontan noch zu einem Häftlingstransportmittel. Polizisten und Häftling schienen es ziemlich lustig gehabt zu haben.
Die in der Wüste Thar gelegene Stadt Jaisalmer trägt den Namen Golden City, weil das aus Sandstein erbaute Fort und die darumliegenden Häuser in der Abendsonne in goldenem Glanz erscheinen. Es ist das einzige Fort in Indien, in dem noch gelebt und gearbeitet wird und während wir durch das Labyrinth aus engen Gässchen, wo man sich alle paar Meter an einer Kuh oder Ziege vorbeizwängen muss, schlendern, kommt es uns manchmal vor, als wäre die Zeit stillgestanden. Hier lässt es sich einige Tage aushalten.
Natürlich buchten auch wir eine Kamelsafari und verschwanden gleich für drei Tage in die Wüste. Trotz schmerzenden Füdlis, Rücken – und was einem sonst noch alles weh tun kann – genossen wir diesen Trip sehr: Wir trotteten für Stunden auf den Kamelen Johnny und Romeo durch die karge Dornbuschlandschaft, schliefen im Sand unter Sternenhimmel auf den bequemsten Betten in ganz Indien, schlürften bei Sonnenaufgang einen Chai, der uns ans Bett serviert wurde, hielten im Schatten der Bäume eine Siesta, nachdem wir mit feinstem Dhal
und Chapati gemästet wurden, wuschen Teller und Pfannen mit Wüstensand ab, sahen Gazellen und „blaue Zebras“, wurden von schwarzen Käfer fies in den Zeh gezwickt, besuchten Wüstendörfer und wurden herzlich zum Tee eingeladen, genossen die Ruhe, was in Indien eher eine Seltenheit ist, und sahen während der ganzen Zeit keinen einzigen anderen Touri – nur wir und die furzenden, schmatzenden und stinkenden Kamele :).
Wir schlenderten durch die Gässchen, sahen uns das eine oder andere Hostel an, bis wir schliesslich im